Geliebte

Bevor alles zu spät und wir wahr

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Manchmal denke ich an dich.
Dann erinnere ich mich, dass du
genauso gerochen hast, wie ich dich in Erinnerung hatte,
und schon
denk ich mich an dir entlang,
erst zufällig,
gelandet, da wo dein Hemd einen Knopf offen trug,
und von dort
von Lieblingsstelle zu Lieblingsstelle.
Schließlich über deine Schulter, und von dort,
mit etwas mehr Abstand wieder
weit über dich hinaus.

Manchmal denke ich an dich.
Dann fällt mir ein, dass du
gar nicht da bist, wo ich dich in Erinnerung habe,
und schon
habe ich dich wieder im Arm und dein Gewicht
wiegt so schwer wie du wirklich bist
an meiner Schulter, da, wo eigentlich nur dein Kopf lag.
Wo plötzlich ein ganzes Leben
sich breit machte, und lang und schwer,
denn ausgesprochen macht so ein Leben
ganz schön was her.

Manchmal denke ich an dich.
Dann spüre ich diesen deinen Blick,
der mich wie immer freundlich, aber bestimmt
auffädelt und,
ohne auch nur eine Wimper auf’s Spiel zu setzen,
jeden Augenblick beim Vornamen nennt und ihm Burrata serviert
mit einem Extra-Schuß süßer Crema,
und vor der Sperrstunde ein Glas von dem roten Wein bestellt,
bevor alles zu spät
und wir wahr.

Gelage

Sagaland

Sagaland | © Horst Kiechle“Sagaland” | © Horst Kiechle, 2021

“I grew up in a forest. It’s like a room. It’s protected.
Like a cathedral… it is a place between heaven and earth.”

― Anselm Kiefer

Einer steht da und sagt nichts,
nichts für Stunden und nichts zu mir,
Steht da und lässt den Regen
fallen. Kein Halt.

Bäumchen? Wechsel’ dich!
wechsel’ deine Wäsche, 
deine Krone, dein Gewand,
deine Geschichte aber leg dir zurecht.

Einen noch, sagst du und drehst dich,
zum Wald, der dem Schloss zu Füßen –
knietief im Gold, seine Häupter,
strotzend vor Heimat, so beredt wie still –
den Himmel begrünt

Bäumchen? Wechsel’ dich!
wechsel’ deine Wäsche, 
deine Krone, dein Gewand,
deine Geschichte aber erzähle zur Nacht.

Eine blieb liegen, bis die Bäume in Schlaf gefallen,
pflückte die Märchen aus den Achselhöhlen,
und rannte – auf bloßen Sohlen den papiernen Blätterboden lesend –
zum Schloss, das die Geschichte aufdeckte, verwandelte,
und so den Himmel erröten ließ: Aurora!

 


Sagaland ist eines der legendären Ravensburger Brettspiele aus den 80er Jahren. Auf dem Spielplan sind ein Dorf (Start), ein Schloss (Ziel) sowie ein Märchenwald abgebildet. In diesem befinden sich die Tannenbäume, auf deren Unterseite jeweils ein Märchensymbol abgebildet ist, z. B. Aschenputtels Schuhe oder die Kugel aus dem Froschkönig. Die Mitspieler versuchen – von den anderen Mitspielern möglichst unbemerkt – den Tannenbaum mit dem Märchen aufzuspüren, das gerade auf dem Kartenstoß im Schloss aufgedeckt liegt.