Gedanken

Spree & Seide

Die Bar | © Anne Seubert

Im Schatten des Sonntags ausufernd verweilenden Wassers ruht, was die Woche übrig ließ in dir: Gedanken aus 1000 und einer Nacht, noch ungekämmt aber mit dem Strahlen der sieben Weltwunder zwischen den Wimpern blinzelnd. Das große Ganze und den Klingelbeutel mit Ungemach und Unverdorbenem, den Hut auch mit den übriggebliebenen Münzen und einer Krempe voller Schmauchspuren. Der Strand nimmt gelassen, was kommt, raunt Runen in Treibholzbestände vom vergangenen Winter und putzt sich wie immer erst nach der Flut die sandgeschmirgelten Zähne.

Spree! rufst du, und ich Park!, und schon sitzen wir unter einer Sonne, die teilen kann statt nur zu strahlen, die gar ein paar Tränen austeilt, wenn das Wasser mal wieder knapp und der Salzstein ausgeleckt. Du möchtest ein Schiff sein mit sieben Segeln, breit wie die Hüfte um Mitternacht und weit wie der Weg zwischen meinen Brauenbögen bis zum anderen Ufer, an dem du sitzt und ich höchstens zwischenlande, ohne Gepäck und doppelten Boden, dafür mit einem Transferticket an die Seidenstrasse aka Sonnenallee.

Um meine Schultern trage ich den Morgen, der uns verführen darf, der uns den Tag serviert, der uns das Wasser bis zum Hals reicht, über den offenen Kragen schwappend bis an die sich ebenfalls öffnenden Lippen und darüber hinaus, bis wir schwimmen, tauchen, untergehen in einem Kuss mit seidenem Schweif, Streicheleinheiten im Doppel-S schmuggelnd, von denen keiner ahnte, von denen also keiner etwas erwartet, von denen keiner genug bekommen kann: nicht du, weder Schatten noch Morgen, auch nicht das Wasser und seine 1000 und eine Welle, die sich dir handbreit unters Revers gesteppt haben, bereit zu fließen in Spree und Seide, wenn du sie lässt.

Gelüste

Eine Hand voll Holunder

Moviemento Shortfilms | © Anne Seubert

Du seist eine von vielen, sagen sie, hilfreich, edel und gut, sagen sie. Eine Hand voll von dir, sagen sie, gekommen, dich zu entsaften, berge Tage eines Sommer wie er im Buch steht. Bitter bis in den Herbst und auch über den Winter.

Du, eine Streunerin, dein dunkles Perlenspiel baumeln lassend, wo ich geh und steh auf Augenhöhe gern, jenseits der Brombeerhecke auch, auf dass ich mich recke. Wildwuchs du, Mundraub durch zarteste Bitterkeit vereitelnd, trägst du die Beeren des Sommers rudelweise um den schlanken Hals. Eine der ersten blühst du so sanft, küssen möchte man dich, pflückt man dich, sanft dir die Blüten nehmend, noch ehe der Sommer auch nur eine Zehe aus der Sandale gewagt.

Den Blick stets keusch zu Boden blühst du als eine der ersten herzallerliebst weiss, Holundermädchen, noch den süßesten Zucker zu Unschuld verführend, reifend aber dunkelst du nach. Nahe dem Schwarz gebaut möchte man deine Pantone umschreiben und hat kaum dich auf der Zunge bereits im Herzen, dunkelste aller Sonnen.

Dein Geheimnis aber trägst du mit dir, mit mir, lässt die Rinde dir nehmen, die Frucht, die Blüte, aber nicht das Herz, das im nächsten Frühjahr wieder schlagen möchte, dort, wo der Weg die Segel streicht, Pfad wird und zart sich ins Unterholz schlägt, neue Wälder zu erkunden, die Obdach dir und mir Heimat.