Gegenwart

Schnauze, Babies!

Auf dem Flughafen hast du dein Zelt aufgeschlagen, dich zwischen die Gates gestellt, als könntest du irgendetwas halten, wenn schon nicht fest, dann meine Hand und die Fäden und zwar am Boden. Dabei fliegst du viel lieber, als dass du den Boden bestellen würdest auf dem wir wandeln, du da wo der Weizen Wellen schlägt, ich da wo die Wiesen das Wandeln der Farben feiern: Im Frühling, im Herbst und im Sommer mit all den Früchten, die du dir in den Mund raubst, sobald du ihrer habhaft werden kannst – und im Winter die weite Leere der neuen Möglichkeiten.

Auf dem Feld hast du dein Lager aufgeschlagen, da wo die Kräfte sich bündeln, wo der Wald stehenbleibt und der Wind regelmäßig die Orientierung verliert. Das Feld, auf dem die Saat auf- und die Sonne untergeht, wo aller Anfang bestellt aber nicht abgeholt wird, wo der See kalte Füße kriegt und der Weg eine Kurve schlägt. Da lagerst du ein, was dir zwischen die Finger gekommen war, da bettest du dein Herz zwischen Gerste und Roggen, da säst du Hopfen und Malz, legst ein und um und auf und dich dazwischen: Jucke es, wen es wolle, du aber ruhst.

Auf dem Bild hast du ein Buch aufgeschlagen, drei Seiten jenseits der Mitte zwischen Daumen und Zeigefinger, die Seite, die du gerne zeigst, wenn die Sonne ihre Zahnlücken hervorholt und der Schatten rechts von dir zu Boden fällt. Das Bild, das davon lebt, dass der Blick zwischen die Seiten rutscht und auf der Zeile landet, die du längst auswendig und ich mir nicht merken kann: Ruhet in Fetzen, ihr Worte, ich hab euch im Herzen statt auf der Zunge, ich trag euch übers Feld, ans Gate und wenn ihr wollt, nehm ich euch huckepack in den Himmel mit, wenn ich geh. Bis dahin aber, Schnauze, Babies!

Generika

Eingeboren & Aufgewachsen

Croissanterie, Berlin | © Anne Seubert

Eingeboren in einen Traum, der deinem Verstand das Wasser reicht und mir die Schlüssel, ist dein Kummer einer, der mir sein Herz ausschüttet, noch ehe wir schlafen gegangen waren, und ohne dabei Los auch nur zu touchieren.

Zu lange wach, um noch Tränen ausformulieren zu können.
Zu lange trocken, um noch austrinken zu können.
Zu lange auf der Stelle, um noch zu tanzen.

Erfahren in der Kunst der Pilgerschaft, ist dein Kummer einer, der sich selbst wie seinen Nächsten liebt, und doch das Weite sucht, sobald es hell wird. Der dem Leichtgewicht von Gegenüber misstraut, ungern in den Spiegel schaut und lieber die Augen geschlossen hält.

Den Schlag deines Herzens retourniere ich.
Den Mond deiner Nacht halbiere ich.
Die Worte deiner Wunde schließe ich mit doppeltem Punkt und einem Blick unter Wimpern aus Zimt und Seide.

Oben ohne ist dein Kummer einer, dessen Brust zwei Herzen mindestens und dessen Wangen hohl, ist dein Kummer einer, bei dem mir die Sprache fremd und die Luft knapp wird: Wie atmen in einer Welt ohne Boden, in einem Wasser ohne Land, in einer Nacht ohne Mitte?

Lass mich ein Mond sein, der dir das Wasser aus der Brust zieht
Lass mich die Bucht sein, in der du deinen Schatten ankerst,
Lass mich der Speck sein, in den sich dein Kummer verwandelt, sobald du aufhörst zu weinen.