Gedanken

Murmeln und Flüstern

Carolin Emcke Foto: Gianmarco Bresadola
Carolin Emcke: Ja heisst Ja und …, Schaubühne, Berlin 2019 | Foto: Gianmarco Bresadola

“Schreiben ist intim”, ist Murmeln und Flüstern, ist Geliebte und Companion, ist Wunde und Gewand, ist Wortgewordenes Denken und Wünschen und Wundern und nicht zuletzt Einladung zu einem Gespräch. Am Ende aber steht der Satz zwischen zwei Zeichen, fragend oder antwortend, streng oder zärtlich, subtil oder offensiv bildet er eine Linie, ein Gerüst, eine Wendeltreppe zum nächsten vielleicht nur. Ein Satz von vielen, von zweien, mitunter auch solitär. Steht und fällt mit dem Mut, den Stift auf das Papier zu setzen. In den üblichen Lettern daherkommend drängen sich Silben zu Worten zusammen, stehen auf einem Papier, das zuweilen deinen Duft zwischen den Zeilen trägt. Denkend ist Schreiben etwas, das auf bloßen Füßen gelingen möchte.

Wenn das Du, das den Stift führt, deinen Namen trägt, steht da Kluges, Hinterfragendes, Mut erwägendes, oftmals begleitet von einer Musik, die uns das sonst häufig im Schatten des Standbeins angewinkelt in der Ecke stehendes Spielbein zucken macht. Wenn das Du deinen Namen trägt bekommt das Nein eine Aufgabe, die ihm wenige zutrauten bisher: Ermöglicher! Ermöglichen darf es dann alles, was jenseits von ihm, was Lust macht und Laune!  Bühne darf es sein für alle, die spielen wollen und dafür Sicherheit erbitten über das, was verletzen könnte. Schöpfer wird es dann für all das, was innerhalb seiner Grenzen möglich wird, eben weil nicht alles möglich ist.

Wenn das Du, das den Stift führt, deinen Namen trägt, bekommt der Zweifel Flügel. Er öffnet das Fenster in den bislang verschlossenen Garten meiner Wahrnehmung, schubst den Blick hinter das bereits wahr genommene und für wahr gehaltene und gegebenenfalls sogar als wahr postuliertes in ein Grün, das mehr als Hoffnung. Das Werden in sich trägt als Kontrapost zum ewig Seienden. Der Zweifel, den ich bislang zu meiden trachtete, wird Komplize und Verführer in das Land fremder Gedanken, wo Werte und Argumente zu erklimmen sind, wo Leichtigkeit sich geborgen fühlt und Träume eine Wirklichkeit beanspruchen, die ich nicht in der Hand habe.

Für Carolin Emcke.

 

Geliebte

Traumdelta am Brauenwinkel

Traumdelta | Anne Seubert

wege streicheln zwischen wimpernsaat und brauenwinkel, da wo das lid sich teilt.
kuppen tupfen wo wangenmulden wölbungen folgen, auch mit geschlossenen augen.
fältchen zähmen ohne dem schattenwerfer das licht unter den scheffel zu stellen.

erst aufwachen dann einschlafen dann herträumen dann hinwerfen: die mütze schlaf, den kollektiven traum, dich und die runde zahl, die heute nicht genannt werden will.

alle zärtlichkeit fallenlassen, so tief der traum klingt, so nah bist du in mir, in diesem blick, den du zum zweiten glas wein von der leine lässt und der unter vier augen wieder und wieder vibriert.

erst dann die zweite stimme aufrufen,
in den wald locken und eine lichtung aufspüren, die von einem morgen zeugt ohne alles zu verraten: zweimal ja und ein nein, das unsere lippen tango tanzen lehrt.

das licht löschen und der welt den rand nehmen: wehe wenn einer springt!
deinem zittern ein plätzchen unter der pappel anbieten, schatten schaufelnd, wie diese raddampfer aus der zeit gefallen und mir in die arme. bleib!

nota bene:
lächeln als lichtungen denken lässt den wald adhoc semesterferien einläuten:
auf ein akademisches stündchen kommt es hier nicht an,
wurzeln wollen geschlagen werden nicht gezogen,
noch ehe dem licht das grün hinter den ohren die schau stiehlt.