Gedanken

Schmerz und wie man ihn aushält

Horst Kienzle: Strange Fruit© Horst Kiechle

Es gibt Tage, an denen weiss man, was auf dem Programm steht. Oft genug, weiss ich sogar schmerzhaft genau, was für heute, morgen und nächste Woche auf der Liste steht: Eine Liste voller Punkte, mitunter über das Blatt hinaus. Zuweilen rotten diese Punkte sich zusammen, machen einen auf Punkt vor Strich und ergeben doch nur Unterpunkte. Selten, meist erst am Zeilenende wagen sie ein Ausrufezeichen und sehnen sich nach dicken Strichen durch anderer Leute Rechnung. Mitunter krümmen sich die Punkte zu Fragezeichen. Anhängliche, unterwürfig grinsende Fragezeichen, die nichts als Zweifel in ihrem Wasserkopf tragen. Sie lassen die Brust eng werden und bringen das große Whatsnext aufs Trapez. Immer und immer wieder: Frage, Komma, nächste Frage, Komma, nächste Frage. Keine Antwort zählen lassen. Wer fragt führt: What for? Komma. What now? Komma. What’s next?

Wie diesem Fragezeichen die Luft abschneiden, die Wucht nehmen, das Zeichen wieder zu einem Punkt werden lassen? Wie den Kommata den Atem nehmen, aus dem schlammigen Konjunktiv einen souveränen Nominativ kredenzen? Bis zum Imperativ und zurück, versuchsweise, der eigenen Geschichte Platz einräumen, den Zweifeln ein Kapitel aufschlagen – aber nur eins (!) – der Lust aber gleich drei. Dem Mut einen eigenen Band widmen und das Vorwort von dir schreiben, den Klappentext malen lassen und das Kapitelbändchen zum Semikolon ernennen. Komma her, komma rum, komma eine Seite weiter! Auf die letzte Seite und da einen Punkt setzen, nicht zwei, nicht drei: Einen, der sagt, was er denkt, ohne sätzelange Ausschweifungen, ohne Anzeichen der Krümmung um die nächste gedankliche Ecke.

Punkt. Satz. Sieg. Sieg? Die Zeit hintan stellen, hinter den Punkt, hinter das Buch, hinter das Buchregal, noch hinter den, der sich Alltag nennt und Routine im Schilde führt, meterdick. Hinter mich. Minutendick, stundenlang, tageweise und zwei, drei Sekunden im Necessaire – man weiß ja nie! Und die Zeit, die hat Erfahrung mit diesen Minuten, denen die Sekunden fehlen, abhanden gekommen sind, die plötzlich scharfkantig um die Ecke kommen, von akademischen Vierteln murmeln, und vor den Zweifeln in die Knie gehen. Die dem Schmerz die Tür öffnen, obwohl man ihnen hundert Mal eingeimpft hatte, nicht eine Zeile zur Seite, einen Absatz tiefer zur rutschen, sondern der Schrift die Stange zu halten von der ersten bis zur letzten Seite. Keinen Milimeter vom Wortlaut abweichen. Keine Risse, keine leeren Versprechungen, keine Leerzeichen, keine Doppel, Punkt!

Gelage

Aggregatzustand Mensch

Um den zeitweise größenwahnsinnig gewordenen Verstand der letzten Jahre hast du dir einen Leib gewunden, bauchnabelzentriert, eine Hüfte gezimmert und ein Becken gerundet, ein Lächeln gewagt, das Zähne zeigt und endlose Sommer verspricht. Hast Fingerbeeren gedrechselt, auf dass Berührungen saftig und die Erdbeeren neidisch. Hast dir den Hunger zum Gesetz, die Gelassenheit als Haltung implementiert und den Genuss als default eingestellt. Cleveres Kerlchen, du.

Mit Haut warst du großzügig, das verwundert mich nicht. Ein wenig dünn ist sie stellenweise, war das eigentlich Absicht? Dass er das Herz hört wenn er vor ihr kniet und seinen schwergewordenen Kopf bergen möchte? Dass du die Muskeln spielen spürst, wenn du dir durch die Schultern blätterst? Dass das Begehren dir ins Gesicht geschrieben steht, selbst wenn du es unter der Decke halten möchtest.

Die Angst hast du eingelagert, am rechten Kniegelenk, sie murmelt leise, macht sich nur bemerkbar, wenn du zu schnell um die Ecke biegst, wenn der Atem dir nicht knapp werden will, auch bei Kilometer 15 plus. Wenn dir einer in den Nacken fasst, das Haar bündelt und dir ein Angebot ins Ohr flüstert, das du nicht annehmen solltest aber tust. Gut, dass der Wille den Schattenmann spielt, immer in Rufweite und nie an der Leine.