Gestern

Zwischen Wundstaub und Atemmaske

Blick zurück übers Wasser

Zwischen Wundstaub und Atemmaske einen Urlaub gelegt. Ungenehmigte zwei Stunden Aussicht auf mehr in grün und blau und segelweiß. Der Profi weiß: Zeitreisend altert es sich ungleich zärtlicher. Eine Havelaue an der Seite lässt sich gar wochenweise Klinikalltag ertragen. Und auf einem Pfad, der mit ausreichend roten Bänken gepflastert ist, lassen sich humpelnd 2,3 Jahrzehnte vor- und zurückhoppsen. Wäre ja gelacht! Geweint übrigens auch, außerhalb der Stadt immer ungleich leichter: 2,3,4 Seufzer ins Blaue geschluchzt, ein paar Wellen getreten, Trost unter einer Weide gesucht, schließlich versöhnt den Stamm einer andern umarmt und dem schlierigen Blick einen Schluck endloser Idylle gegönnt. Urbane Tränen dagegen rußen immer so, dass sich die Wimpern bis zum Minipli räuspern.

Schullandheim in den 80ern oder Jugendherberge in den 60ern?

Auf den Wiesen ist Herbst und während die Markisen noch von Langneses Bottermelk-Zitronen-Cornettos und den unendlichen Sommern Mitte der 80er träumen, bin ich im Fahrwasser der nicht-enden-wollenden Erzählungen meiner Zimmergenossin schon weit in die 60er gereist. Der erste Bikini. Die Paddeltour durch die thüringischen Weiten. Hornkamm und Häkeltop.

Egal. Ich will nach Hause. Jetzt. Gleich. Gestern.

Gestik

Der Mann in mir

…mag mein Lächeln.
Er seufzt verzückt beim sommerbedingt vermehrt anzutreffenden Anblick nackter Schenkel. Weigert sich Röcke zu tragen, auch in der schwülsten Julisonne, zieht stoisch kühles Bier jeder modischen Abkühlung vor.
Er leckt sich beim Anblick meiner erstmalig rot lackierten Fußnägel ins begierig geballte Fäustchen und arschbombt quietschvergnügt in den nächstbesten See, Zuschauer hin oder her.

Der Mann in mir trüge gern Fliege zum Etuikleid und Aftershave statt ängstlichem Gloss, Backenbart statt Lächelversuch, und bei Weitem lieber Knie statt Dekollete zu Schau. Am allerliebsten aber Dreitagebart und Muskelshirt. Er geht aufrecht noch im knatterhaftesten Hagelsturm, und trägt am liebsten rote Pullis. Er liebt leere Parks, nächtliche leere Parks mit einzelnen, verwittert zersplitterten Straßenlaternen, die er durchstreunt, mit so einer Weltenherrscher-Erhabenheit im Bauch.

Überhaupt der Bauch. Der Mann in mir hat selbstverständlich einen Bauch. Einen Bauch voller Sehnsucht nach Geborgenheit. Und Schultern à la “Gewöhn’ dich nicht zu sehr an mich”. Er ist der, der morgens aufsteht, die Tränen runterschluckt und dem Tag eine Chance gibt, verdient oder nicht.