Geliebte

Dekolleté und Hornbrille

Und dann fehlt wieder einer, der mir die Mähne gegen den Strich bürstet und die Lungen mit Ausgeatmetem füllt. Jemand der zieht und strahlt und das Wasser an meinen Wimpern zum Kochen bringt. Jemand der weint und wütet und den Boden unter meinen Ballen aufwühlt, aufkratzt, unterwandert. Glättet. Befruchtet. Der mir eine Zukunft sät.
Gedreht und gewendet, derjenige bin ich, so sehr ich den Spiegel tagtäglich dafür verfluche mein Angesicht ungeschönt zu reproduzieren.

Die knöchernen Sehnen rund ums Schlüsselbein knacken – unabhängig vom Ausschnitt – bei jedem Schritt, nicht im Rhythmus, aber lauter als das Knie, das tapfer dagegenhält und diesen müden Leib noch durch den tiefsten Schnee schleppt und nachdrücklich einen jeden Seufzer zu unterdrücken sucht. Contenance ist eine Tugend und Humpeln gehört nicht dazu. Ich krampfe den linken Fuß noch im Schlaf, träume nur mehr zwischen halb und dreiviertel und erwache morgens mit der Sehnsucht nach einer neuen Nacht.

Du aber fehlst auch mit Brille, weit und breit kein Ich in Sicht, das ich an meine linke Hüfte bände geschweige denn gegen die Sehnsucht tauschte. Nichts, das das Fleisch zusammen und den Schmerz fernhalten könnte, nichts, das ein Kissen wert wäre, nicht das Putzen der Brille. Nichts, das der Angst die Stirn bieten würde, wenigstens für einen Sonnenuntergang.

Gedanken

Immer wieder sonntags

Immer wieder sonntags bleibt zu viel übrig. Zu viel von diesem zu wenig. Und manches ganz auf der Strecke, was morgens um 5 noch für Schlaflosigkeit und Ketoazidosen sorgt, so dass wenigstens der Adventskalender überpünktlich, d.h. vor Sonnenaufgang – mit regnerischer Begleitung – geplündert, sorgt mittags trotz liebevollst gebackener Wollust an Freundlichkeit für Tränenstürme. Oder gerade deswegen. So gewappnet hat der Abend wenig Chancen mit seinem Tatort-Charme auch nur eine Zweidrittelmehrheit, qualifiziert oder nicht, zu erringen. Stattdessen werden Falten gezüchtet, die bitter-scharfen, samt wespentailliertem Kummerbund und Monogramm.

So viel auch drin sein mag in diesem Kopf, ein klarer Gedanken findet sich nicht, viele Teile, aber keine Summe, Spannung en masse aber nicht einen Deut Passion. Dafür jede Menge Sehnsucht nach dem großen Ganzen und der Ästhetik des Knies. Nach dem nächtlichen Guitanero und der schwerbrüstigen Frau am Herd, dem lila VW-Bus und der Reise in die Padjelanta, dem Lächeln auf den eigenen Lippen, das die Augen endlich mal wieder mitnimmt. Danach, dass es keine Ringelstrumpfhosen braucht um Wimpern zu locken, und Stimmlagen drei Oktaven zu senken. Sehnsucht nach Atemlosigkeit.

“Eine neue Woche ist wie ein neuer Alptraum”, flüstert er ihr alles andere als heimlich ins Ohr und nicht einer tut so als hätte er nicht gehört. Stattdessen werden die Nadeln erhitzt, die Tinte geschwärzt und die Haut Pore für Pore desinfiziert. An Rache ist nicht zu denken, und der bislang zuverlässige Fluchtweg quer durchs Innenohr bis zur Kniekehle und dann an der linken Außenwade in die Hornhaut des hinteren Innenrists zeigt ob des anhaltenden Frosts zunehmend poröse Stellen. Zeiten für Spikes, sagt die Freundin nicht zu unrecht, aber ob die auch zur inneren Anwendung zu empfehlen sind?