Geliebte

Molluske

Der schmerzhaft sich einwärts krampfende große Zeh weckt ihn noch vor fünf Uhr morgens, dabei schlief er mittwochs gerne bis neun. In dem Versuch, den Zeh zu lockern, rutschte die Decke ihm über’s Knie – da war es endgültig aus mit Träumen jenseits der Fußsohle. Er hielt die Augen auch noch geschlossen, als er sich knieabwärts wieder unter die Decke bewegte, er tat das schließlich nicht zum ersten Mal.

Als auch der linke Fuß wieder warm, öffnete er das rechte Auge. Es war ihm eine liebe Gewohnheit geworden, stets zuerst das rechte Auge zu öffnen, bevor sich das linke, weitaus empfindsamere, wie er eines Abends feststellen durfte, dem Tageslicht stellen sollte. Er hatte damals beide Augen erst in Salzwasser getunkt und dann der Mittagssonne ausgesetzt. Das rechte hatte ihm den tropischen Cocktail nicht übel genommen, das linke aber hatte bis weit in die abendliche Dämmerung hinein leise getränt.

Die Weichheit des Kissens am Hinterkopf wissend, tastet sich das rechte Auge die Tapete der gegenüberliegenden Wand empor, bis sich das schlierige Dunkelgrau in ein tröstendes Crèmeweiß ergibt. Die Wimpern geben nur zögernd mehr Blick frei. Er seufzt probeweise, den Mund halb mit der Decke gestopft und entspannt sich ob des Ergebnisses. Es wird ein Tag wie jeder andere werden, er wird sich einige Stunden winden, einige stolpern und die letzten dreieinhalb in halbleere Gläser seufzen. Aufstehen aber so schnell nicht.

Gestern

Der Engelmacher

Schutzengel schnitzt er und solche die es werden wollen. Jeder bekommt ein Lächeln, einen Heiligenschein und einen individuell auf sein Gewand abgestimmten Blumenstrauß in die Hand gemalt. Nebenbei sammelt er jüdische Friedhöfe auf polnischem Grund. Er erkennt sie an der Gründereiche und zeigt in der Dorfkneipe stumm und stolz seine Sammelmappe. Handbeschriftete überbelichtete Fotos von zerbrochenen Grabsteinen, die an Gleisböschungen lehnen.

Der Dorfjugend ist seine Anwesenheit eher unangenehm, sie fürchten um ihr Bier, das im Schatten der umgestürzten Grabsteine lagert. Dem Dorfwirt ist er auch ohne Polnischkenntnisse willkommen. Auf den Landstraßen der Rückfahrt trägt er den gefundenen und abgemessenen Friedhof in seine Mappe und kreiert den nächsten Engel. Die Messer warteten stets in Berlin auf ihn, sagt er und schenkt Prosecco nach.

Das Sofa in seinem Laden biegt sich unter meiner und der Last der gestapelten Sammelmappen. Kennen Sie sich mit der Altersbestimmung bei Eichen aus, fragt er, es wäre so praktisch an ihnen ablesen zu können, wann der Friedhof gegründet wurde? Er erwartet keine Antwort, bittet nur, man möge ihm das nächste Paar Engelflügel reichen, die blauen bitte, und dann den Bindfaden. Und schon baumelt der nächste an der Leine.