Gelüste

Mit dem Finger auf der Landkarte

Leise nur braucht Herakles zu rufen und erntet ein Echo, das vor Fernweh trieft. Im Zuge des Individualtourismus wühlst Du in Karten des 16. Jahrhunderts, Diercke ist abgelatscht und hat nichts Aufregendes mehr zu bieten.


(mit Dank an pheerce)

Es lockt der Atlas Maior von Joan Blaeu, der Atlas Miller und die Karten des geheimnisvollen Fra’ Mauro durchstöberst Du nächtens. Reist auf runden Karten durch den indischen Ozean auf der Suche nach der Neuen Welt, nach dem Paradies und nicht zuletzt dem Pfeffer. Herzförmige Weltkarten machen Dich lächeln und elfenbeinene Taschengloben Dein Herz höher schlagen. Überhaupt diese Globen, Pappmachékugeln mit feinst ziselierten Metallzirkeln, kunstvoll bemalt und mit Schriften unterschiedlicher Jahrhunderte versehen. Küstenlinien schlängeln sich unvermutet durch Ozeane, bilden Inseln, schneiden Meerengen,ganze Kontinente erstehen an Orten wo man heute kaum ein Atoll weiß.

Du aber kannst die Hände, die Finger nicht ruhen lassen, musst weiter. Du folgst Vasco da Gamas Spuren auf die verrückten Gewürzinseln, nach Sansibar und Ceylon, umrundest auf der blauen Fährte Fernando Magellans den mannshohen Coronelli- Erdglobus und zeigst mir auf seinem Himmelspendant die Sterne des Renaissance-Himmels.

Diese Länder, aus denen Kannibalen schmatzend herüberlächeln, Jungfrauen ihr güldenes Haar endlos kämmen und die Monster kopflos auf einem Bein hüpfen, vermögen es trotzdem nicht so wirklich, mich hinter dem Ofen vorzuholen. Staub von 500 Jahren und mehr lässt sie zuweilen albern, zuweilen grotesk und oft einfach nur viel zu alt aussehen. Doch Du hälst einen Trumpf bereit, einen unwiderstehlichen. Im dicksten aller dicken Bücher zeigt mir Dein rechter Zeigefinger schließlich das Reich der glücklichen Liebe.

 

Geliebte

Herbstzeitloser

Trägheit war sein Name und Schwielen polsterten nur ungenügend seinen Weg. Seit man ihm, als Kleinkind noch, das Lächeln als potentielle Blödheit ausgelegt hatte, hielt er seine Mundwinkel unablässig waagrecht. Das vermied effizient Gesichtsfaltenbildung, trug aber ebenso konsequent wie unvermutet zu Herzbeschwerden bei. Diese zeigten sich in seinem Blick, der magnetisch von Pflastersteinen angezogen wurde, und in sehnenden Schmerzen die seine Arme entlang sirrten. Den Anblick offenen Himmels ertrug er nur schwer und gegen fremder Augen Fokus auf seiner Haut reagierte er regelrecht allergisch. Pusteln waren noch das Wenigste, meist zogen sich in der Folge blutunterlaufene Risse von den Einblickstellen ausgehend über seinen gesamten Leib. Er presste im Reflex die Lippen zusammen und die Fäuste in die Taschen und fluchte innerlich über die plötzliche Anspannung, ausgelöst durch nicht unerhebliche Nackensenkungen. Das Bluten unterblieb meist innerhalb weniger Minuten, doch die Risse blieben spürbar offen, verkrusteten zuweilen halbherzig, nur um sich bei nächster Gelegenheit ausdehnend aufzuspreizen.

Mitunter wurde ihm das Einatmen schwer, seine Lunge beherbergte sowieso nur mehr kleine Luftpölsterchen, regelrecht zur Last, so dass er gerne eine paar Atemzüge ausgesetzt hätte. Hatte er dann jedoch erst einmal eingeatmet, ging das Ausatmen leicht –er scheiterte daran zumindest signifikant seltener. Man hatte ihm Kaffee empfohlen, den er abwinkte, er trank Kondensmilch pur und doppelt süß und weigerte sich an eventuelle Zusammenhänge zwischen Atemnot und Ernährung auch nur zu denken. Pumpernickel und drei Mixed Pickles ergänzten sein Menü Tag für Tag, nur selten und äußerst ungern wich er auf Kuchenbruch aus. Er konnte am nächsten Tagen mit Verdauungsbeschwerden rechnen und kündigte sie dementsprechend bereits beim Verzehr lautstark und in angemessenem Tonfall an.

Er war nicht unfreundlich, manchmal sogar interessiert, aber es fiel ihm zugegebenermaßen schwer, sich mit Haut und Haaren für Mitmenschen oder Gegenstände zu begeistern. Dass sich das noch einmal ändern würde, bezweifelte er, sein Denken war längst nicht mehr so flink auf den Beinen und seine – wenn auch raren – Äußerungen bereute er immer öfter ob ihrer Ungelenkigkeit und Grobheit. Er zog sich merklich hinter seine Stirn zurück, die sich beulte und verzerrte und so sein Haupthaar zurückdrängte. Seine Haut, das bleibt zu sagen, zeigte sich unverhohlen nackt, wo es nur ging, und er liebte den Schauer kalten Winds, der ihm verstohlen an jeder Häuserecke unter die Ärmel fuhr. Er sehnte nicht, er flüchtete nicht, er ging und das stets zu Fuß. Fahrpläne und Uhren waren seine Sache nicht.