Geschwister

Meeresferne

Sie sei eine Wüste, beginnt er, sie bräuchte sein Nass. Er schaut verständnissuchend, so ganz versteht er selbst nicht, wie ihn eine Wüste derart faszinieren kann. Sie sei so stark und dann aber auch so verletzlich, so zart, und ihre Augen, die müsste ich sehen. Er schwärmt von ihrem Gang und von ihrer Fähigkeit Worte zu basteln, von ihrer sinnlichen Ausstrahlung ebenso wie von ihrem Mut. Wie er ihr nicht widerstehen könne, wenn sie ihn ansähe mit diesen Augen, auch wenn sie dabei von erlebten Grausamkeiten spräche, so furchterregend, dass selbst ihr die Worte ausblieben und sie nur mehr starr zu Boden schauen könne. Wie er sie dann berühren möchte, diese Haut, dieses Haar, diese Lippen, wie er sich an sie schmiegen möchte und ihren Leib schützend mit dem seinen ummanteln. Wie er sie lächeln machen möchte, immer und immer wieder, weil er gesehen hat, wie warm ihre Augen dann strahlen.

Einmal nur erleben wie sie lacht und Du weißt was ich meine, verspricht er. Wenn wir uns treffen und sie kommt drei Minuten zu spät und lacht mich zur Begrüßung an, während sie mir gleichzeitig von der gerade auf dem Weg erlebten absurden Begegnung mit einem irländischen Schriftsteller erzählt, dann verspreche ich ihr regelmäßig die Welt. Und wenn sie dann ihr Haar zu ordnen versucht und ihre Kleider zurechtzupft und dabei ein Stückchen ihres linken Schlüsselbeins offenbart, was soll ich denn dann tun?
Und Minuten später erzähle sie mit staubiger Stimme von ihrer Unfähigkeit sich am Leben zu halten, von ihrem Schmerz, der sie nicht schlafen lässt und von ihrer Wut, die sie bluten macht. Sie bitte ihn immer wieder darum, den Blick von ihr abzuwenden und sie zu vergessen, verrät er ratlos, sie sei sich selbst nichts wert und wolle nichts von dem Schatz wissen, den er in ihr verschüttet wisse.

Er malt das Dünenpanorama vor mir aus und ich freue mich mit ihm als er sogar zwei, drei Oasen beschreiben kann. Äußerst detailliert sogar, staune ich. Aber auch er gibt zu, dass körperliche Nähe mit ihr nicht möglich sei, da sie selbst bei leisesten Berührungen zu Staub werde, leblos und grau. Dass ihm das Angst mache, große Angst und dass er nicht wüsste wie damit umgehen. Dass er kein 0815- Safaritourist sei, natürlich nicht, aber dass er ihr ihr Geheimnis doch zu gern entlocken würde, dass ihn die Gefahr des Mysteriösen reize, der spröde Charme ihrer staubigen Wimpern, wenn sie nach einer unachtsamen Berührung seinerseits wieder zu blinzeln begänne.

Und wann stellst Du sie mir vor, frage ich schließlich, neugierig geworden.

Gedanken

Ungewollt betarnkappt.

Ich weiß nicht, wie oft ich mein Gedächtnis schon verflucht habe, denn es beschränkt sich nicht etwa auf Geburtstage, Telefonnummern oder sonstige Gesprächsinhalte. Nein, es umfasst auch die dazugehörigen Gesichter. Die Latte, über die sich ein Gesicht hieven muss, um von meinem Gedächtnis als erinnerungswürdig kategorisiert zu werden, hängt denkbar niedrig. Erdbodennah. Ist quasi nicht vorhanden. Ein kurzes Gespräch, ein ausgetauschtes Lächeln nur oder ein Blick – eingemeißelt bis in alle Ewigkeit.

Dass dieser Segen, den ich zu Schulzeiten noch dankbar auskostete, sich zum ausgewachsenen Fluch mauserte, liegt in einer anderen Eigenart begründet, mit der er einhergeht. Mein Gesicht kann sich niemand merken, dann schon eher meinen Geburtstag. Aber was bringt mir der, wenn ich dem Mann auf der Straße begegne, mit dem ich am Abend zuvor an der Bar geflirtet hatte, ihm ein strahlendes Lächeln zuwerfe und von ihm nichts als einen konsternierten Blick erhalte? Wenn die Kollegin, mit der ich in der Woche zuvor das Projekt ausbaldowert habe, am Tag X die Zusammenarbeit verweigert, weil das nur mit der Blonden ginge, mit der sie das Projekt entwickelt habe? Wenn die Dame mit der ich ein Wochenende lang gemeinsame Themen diskutiert habe, am nächsten Tag durch mich hindurchschaut?
Kurz, wenn mein Lächeln unerwidert, der anknüpfende Spruch unausgesprochen und die Wiedererkennung aus bleibt!

Der Effekt ist ein subtil zermürbender, angefangen vom Flirt der sich nicht erinnert und einem damit deutlich macht, das man weit weniger Eindruck hinterlassen hat als umgekehrt. Über die Kollegin, der man umständlich erklären muss, dass man selbst die Person ist, auf die sie noch warten zu müssen glaubt ohne dass es ihr allzu peinlich ist. Bis hin zu all den anderen Kontakten, die so mühelos geknüpft wieder gelöst wurden bevor sie genossen werden hätten können. Ich mag gar nicht an all die Menschen denken, die ob meiner Aufmerksamkeit oder meines Lächelns verunsichert und verwirrt das Weite suchten, da sie sie nicht einordnen konnten – es gab ihrer viele und nicht immer hatte ich den Mumm, die Situation aufzuklären. Zu erniedrigend erschien es zuweilen, sich dem andern wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Es bleibt der Rat des aufdringlichen Hilfsbrillenverkäufers (oder Brillenhilfsverkäufers?), der mir riet, die eigene Unscheinbarkeit mittels eines ausgefallenen Gleitsichtmodells zu kaschieren. Noch verweigere ich mich dieser Lösung allerdings.