Gelüste

Liegewiesen für Vektoren

Die Leere bleibt gefräßig wie am ersten Tag. Zermalmt Wortketten, lässt Sätze implodieren, verschlingt zur Geisterstunde Seite um Seite. Am nächsten Morgen tröpfelt das Nirwana zwischen Buchdeckeln hervor, einerlei ob Paperback oder Schutzumschlag, überflutet den Nachttisch, das Bett, den Teppich. Die Leere ist himbeerrot, hat Mäusezähne und Wolfskrallen.
Das Hirn entscheidet sich äußerst ungern, meist erst nach eingehender Befragung des Bauches, ungezählter Plena und Horoskoperstellungen. Auch diesmal blieb es träge bei seiner Unentschlossenheit und hätte die Leere nicht Metastasen noch und nöcher gebildet, die schließlich Einkaufzettel auf die Liste des unmöglich zu Erstellenden schob, wer weiß, ob es der Versuchung des Ertragens nicht doch wieder erlegen geblieben wäre. Jedoch, es kam anders und auf dem Weg zur Flucht fand das Hirn das Jenseits der Worte. Zahlen.

Summierend, war nun der Plan, der Leere ein Ufer anlegen. So eines mit Schilfrohr, Schwertlilien und morschem Steg – als Bruchstrich getarnt. Buchten würden ausgelöffelt, mit Sand bestreut und mit Knöterich begrenzt werden. Dahinter dann Liegewiesen für Vektoren und moosige Baumhäuser für wasserscheue Integrale. Im Hintergrund jedenfalls, teilerfremd fraktal, Formeln in den eigenen oder auch mal fremden, Bart murmelnde Farne.
Über die Leere stürzten dann brückenbildend Geraden, mutierten solchermaßen von vertikalen Tangenten zu horizontalen Sekanten, Seerosen gebärend. Wurzeln suhlten sich im Mooresboden, Quadraten und sonstigem Geecke lässig ausweichend, lüstern den Schachtelhalmen um die Zehen rankend. Fern jeden Limes rauschten Pyramiden, das schlammige Ufer mit Variablen befestigend, Raum und Dimensionen schaffend wo früher polynome Ableitungen drohten.

Und tatsächlich, die Leere, einst prominent exponentiell, zeigt sich neuerdings gezähmt vom Pflug der Radianten, beugt sich gar Koordinaten und jagt nur mehr heimlich, im Vollmondschein die Kalla zwischen den Zähnen, jungfräuliche Parallelogramme.

4 Gedanken zu „Liegewiesen für Vektoren“

  1. T.M. sagt:

    Ich hatte letztens auch mal wieder mein altes Formelbuch von der Uni in der Hand. Schon lustig, ha, haha.

  2. kopffuessler sagt:

    Und da lacht er! Formelsammlungen – Hasslieben an allen Schulen.

  3. the thilo sagt:

    Schön, dass Sie die Leere in den Griff bekommen…
    Es gibt nämlich tatsächlich eine Fülle. : )

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