Gesuche

Wartezimmertourismus

Wenn die Heimat tief im Rachen nachdrücklich lauter werdend kruschtelt, das „ch“ den Krachmandeln den ersten Konsonanten streitig macht und das „ü“ alle anderen Vokale weitgehend verdrängt, ist es Zeit gen Süden aufzubrechen. Wäre es Zeit gewesen, denn an Stelle dieser Reise, bin ich auf einer mehrmonatigen Odyssee durch die Wartezimmer Berlins.

Chez Madame Wimperklimper (Augenheilkunde)

Der erste prüfende Rumdumblick fängt dunkelgrüne Aquarelle, kleinformatik, an weißer Raufaser. Zentral souffliert ein sich unter Patientenbroschüren biegender Rattantisch, zehn Jahre bestimmt auf dem Buckel, Slogans der Pharmaindustrie. Ihre Nervenfasern im Blickpunkt! Ihre Hornhaut im Visier! Ihr Sehnerv unter der Lupe! Mehr Sicherheit bei grünem Star und Sehkraft en masse werden versprochen und die erhöhte Aufmerksamkeit des Lesers durch hohe Farbkontraste nutzt der Flyer über altersabhängige Degeneration der Makula. Die hellblütige Iris im hinteren Teil blüht auf verlorenem Posten. Das Erzgebirge hat schnitzend aber Dank-sei-dem-da-oben rauchlos die Theke und sonstigen Abstellflächen erobert.
Die lockige Matrone führt ein strenges Regiment samt Stechuhr und Schokolade. Kein Einwand gilt, Gnade ist Mangelware, Privatsphäre nein danke. Die Kinderecke ist überproportional groß, aber penibel aufgeräumt. Trotz bequemer in ausreichender Anzahl vorhandener Besesselung kommt keine Entspannung auf. Wohl dem der ein spannendes Buch dabei hat, die Wartezeiten betragen stets mehrere zähe Stunden, unterbrochen von regelmäßigen Augendruckmessungen, Lesetests, Vorsorgeuntersuchungen und der gewissenhaften Verabreichung leicht brennender Augentropfen zur Pupillenweitung. So hat denn auch die Hälfte der Patienten stets den Anschein von Hardcore-Kiffern, die sich mühsam in den Sesseln aufrecht halten und stur die Wände betrachten. Die übrigen kämpfen um ein zerfleddertes Exemplar der Bunten und einen Spiegel vom März 2006.

Chez Monsieur HNO (Oto-Rhino-Laryngologie)

Praxis im obersten Stockwerk gelegen, der letzte Stock nur zu Fuß zu erklimmen, bietet sie im Wartebereich ihren Besuchern ein Panoramafenster mit Blick über den angrenzenden Kiez. Der Kindertisch, 40 auf 40, präsentiert auf Kniehöhe drei Buntstifte unterschiedlicher Tönung, als ob nie in Gebrauch, aber streng nach Feng Shui angeordnet. Der Blankoblock bildet die ergänzende Parallele zwischen Stiften und Tischkante, sorgfältige rechte Winkel sind auch beim Lesestoff-Arrangement einen Tisch weiter oberstes Gebot. Das Personal ist ausnehmend flink im Bein- und Zungenbereich und streng aufgeteilt auf Privat- und Kassenpatienten.
Die Toilette, ein Stockwerk tiefer, ist nur mittels eines an der Empfangstheke lautstark zu erbittenden Pfandschlüsselbund zu betreten, so dass jeder der Anwesenden mit Sicherheit weiß, wer wann und wozu. Von der schwarzen Ledercouch an der Kopfseite aus ließen sich wunderbar Unterhaltungssendungen auf dem über der Tür angebrachten großformatigen Bildschirm genießen. Allein es fehlt an Strom und ausreichender Wartezeit. Noch kürzer als diese ist selbstverständlich die Behandlungszeit bemessen: Arm an Wort und Herzlichkeit nuschelt mir der Doc schließlich die eben durchaus kompetent erstellte Diagnose ins tamponierte Ohr.

Chez Monsieur Karius und Baktus (Dentologie)

Direkter Nachbar des stadtbekannten Schokoladendealers Nummer eins, öffnet sich die Tür zur Praxis im Schaufenster nur durch Klingeln. Zwei Stufen gilt es zu nehmen, dann steht man mitten drin im minimalistischen, aber nicht unangenehm steril vorherrschenden grau in grau. Auch nicht trostlos, jedenfalls nicht ganz und schließlich ist da ja auch noch die Empfangsdame. Diese präsentiert nonchalant die Haarmoden der Sixties zum Perlweiß des obligatorischen Kittels, zu besonderen Anlässen auch zu Mundschutz. Bei einer größeren Fläche wären Rollerblades denkbar für die innerlich stets nur als Mandy & Candy titulierten Servicedamen an Theke und Tupfer.
Neuerdings sind am Thresen auch Geschenkgutscheine für Zahnarztbesuche erhältlich und durchaus begehrt, wie mir glaubhaft versichert wird. Die harmlosen Unterhaltungsmedien kommen – allesamt aus dem Hause Print – ansonsten im einheitlich mittelblauen Lesezirkel- Look daher und reihen sich je nach Besucherandrang auch mal ungeordnet auf dem gänzlich unprätentiösen Regalständer Marke Bauhaus. Ein ums andere Mal bringen sie mir die Wartezeitverkürzungen des letztjährigen Dentisten in Erinnerung. Dieser hatte großformatige Aktfotografien in s/w an den Wänden, fern jeden Verdachts von Vulgarität gerade eben so die Grenze zur Erotik überschreitend, wären da nicht zusätzlich die Playboys und Mens Healths auf den Beistelltischchen im Wartebereich gewesen. Eine Erfahrung, die leider ihren Preis hatte.

Chez Madame Juckreiz (Dermatologie)

Unvergesslich, wenn auch kein Ziel des diesjährigen sondern des Jahresurlaubs 2006, der oft verworfene und schließlich doch noch realisierte Besuch der nächstgelegenen dermatologischen Enklave. Ungelogene fünfzehn Menschen reihten sich zur Zeit der Eröffnung der nachmittäglichen Sprechstunde auf dem Gehweg vor der Praxistür, warteten mehr oder minder geduldig auf Einlass. Hatte man die Praxisräume betreten, war der erste Raum Eingang, Empfang und Wartezimmer in einem, mit drei dunklen Sofas an den Wänden, an der vierten Wand eine Empfangstheke. Hier wurden die Personalien aufgenommen, in einer Liste vermerkt und ungefähre Wartezeiten mitgeteilt. Danach verließ ein Großteil – die zuletzt gekommenen Patienten – die Praxis erst einmal wieder um ungefähr zu gegebener Zeit wieder aufzuschlagen, in der Hoffnung den Listenplatz nicht verloren zu haben. Genaue Aussagen über die Handhabe gab es nämlich nicht, die Sitzplätze, überhaupt der Platz, reichte aber offensichtlich nicht für alle. Nach drei Stunden waren wir nur noch zu sechst und irgendwann kam ich tatsächlich dran, um in einem zweiminütigen Verfahren mit einer neuen Diagnose und Kortisonsalbe in den Feierabend entlassen zu werden.

Wie gut, dass wir noch Jahre zu jung, um uns um unsere Gesundheit zu sorgen. Kurzfristige Fluchtmöglichkeiten bieten aber einstweilen schmutzige Hobbies, seltsame Anwandlungen und pathetische Liebesbeteuerungen gegen den Wind.

5 Gedanken zu „Wartezimmertourismus“

  1. Ole sagt:

    Wo Du Dich überall auskennst… Beim Karibaktologen war ich zuletzt auch mehrfach, um nicht über sieben aber zwei Brücken zu gehen. Dort gab’s allerdings nur MC Escher.

  2. kopffuessler sagt:

    Ich wünschte, ich würde mich in diesen Gefilden weit weniger auskennen. Heute wieder so eine eine Erfahrung zum die Wände hochgehen, beim Arzt für Inneres (welch Hohn allein diese Bezeichnung!). Als wäre es etwas Schändliches, mir ein Rezept für meine seit Jahrzehnten tagtäglich benötigten Medikamente ausstellen zu lassen, obwohl ich den Herrn Doktor bereits seit über 2 Monaten nicht mehr besucht hatte! Unverschämtheit! Unmöglichkeit! Man tuschelte und drohte, seufzte und konferenzierte, blickte vielsagend umher, spuckte und spieh auf mich, Patientin, die es offensichtlich darauf anlegte, die Importanz des ärztlichen Blicks und der üblichen drei Floskeln anzuzweifeln!…….

    Hoffe jedenfalls, Deine Brücken tragen mehr als Pfeffernuss und Gänsebraten und wünsche Dir bissfeste Zeiten, wo auch immer Du deine Zehen hinbewegen magst.

  3. kid37 sagt:

    So oft? Einmal im Quartal ist doch ok oder? Ich glaube, ich habe hier nach langem Hin und Her eine gute Stelle gefunden. Aber nun geht meine innerlich begabte Ärztin, die mir immer so nette Sprüche und Verhaltensregeln (“Lassen Sie es sich gut gehen!”) auf die Diagnosezettel schrieb, in Pension. Ab 2008 also jemand Neues, ein Abenteuer. Daher vorher noch schnell alles bunkern 😉

  4. kid37 sagt:

    Ach so, vielen Dank für den Hinweis auf Frau Baumbach! Tolle Seite, tolle Sachen, leider alles ausverkauft.

  5. kopffuessler sagt:

    Ja, Herr Kid37, so eine Begabte hatte ich zuvor kurzzeitig auch. Dann verschwand sie leider urplötzlich im Nirwana des “Wird nie wieder eine Praxis haben”. Möglicherweise zu Weihnachten ein paar dieser speziellen Accessoires wünschen? Ich mag ehrlich gesagt nicht mehr.

    Und wegen Frau Baumbach: avec plaisir.

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