Geliebte

Kraftakt, zwiegespalten

Alle Klischees aufgefahren, markant das Kinn, der Satzbau gemeißelt, der Anzug unterstreicht die zinnene Silhouette des Leibes. Oberarme, dass man nicht wagt, die Wange an zu schmiegen, Schultern, breit wie das Meer. Der Haaransatz an Stirn und Nacken, aphrodisierender als jeder Sonnenuntergang. In jeder Zelle: Kraft – Explosiven Muskelpaketen gleich um die Knochen geschnürt. Und doch: Ich vermisse deine Poesie, deine ungedrechselten Fluchversuche unter Tränen, dein submissives Lächeln im Morgentau, der Tag möge doch noch ein Viertelstündchen warten, dein spitzbübisches Hakenschlagen, deine Bedürftigkeit bei einsetzender Dunkelheit.

Pah! Klischees! Die vermögen nie zu treffen, was mein Magen mir sagt, mein Gemüt:
Zwei zusätzliche Millimeter entdeckte ich heute morgen, als ich während der sonntäglichen Katerwäsche routinemäßig die Entwicklung deiner Geheimratsecken untersuchte. Zwei Millimeter mehr Haut. Noch während du schliefst, heute morgen, als ich den Vorhang zurückzog und dieses neblig-weißgraue Licht herein- und über deine der Decke entfleuchten Körperteile fließen ließ, hatte ich die Linie deines linken Ohrs verfolgt, von unten, da wo dein Hals mündet, wo der Kiefer auch in diesem vorteilhaft weichen Licht dunkle Schatten warf, von da bis hoch, da wo die längeren Haupthaarkandidaten sich an und um diese deine Ohrmuschel schmiegten. Drei schwarze und ein graues habe ich gezählt. Und mich erinnert an die Zeit, als all dein Haar Kohlenstaub zu versprühen, rußig sich in meinen Atemwegen abzusetzen, meine Finger nach jeder intensiveren Begegnung wie mit Stempelfarbe verschmiert zurückzulassen schien.

Nur ungern ließ ich dich drum das Haupte wenden, mir näher zu rücken, nicht weil ich deine Nähe nicht herbeisehnte, aber das Bild verschwamm. Die Bilder, die übervollen, nostalgisch aufgeladenen, Zukunft verkündenden. Versöhnt war ich erst, als dein Schulterknochen sich merkbar in meine Leiste bohrte, mit diesem wohltuenden Schmerz und deinen schlafwarmen Duft in meine Poren rieb, Nuance für Nuance meinen eigenen betörend, betäubend. Als deine Flaumhärchen von jenseits deines Haaransatzes sich aufmachten, meine Nasenspitze wach zu kitzeln, ihr Luft einzuhauchen auf einen Tag außerhalb von Bett und Badewannen. Als du die ersten Worte formtest, schließlich, formten meine Lippen ein Sonntagslächeln in den Montagmorgen. Bar jeder Kraftanstrengung. Nackt und aufgerissen wie eh und je in diesem Winter.

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