Geliebte, Leise Vergnügungen

Leise Vergnügungen XI

Herbstliebe | Anne Seubert

den moment nicht nutzen sondern küssen.
das wasser nicht weihen sondern wellen schlagen lassen.
den abend nicht loben sondern feiern.
die frage nicht stellen sondern betten und zwar weich.
den winter nicht fürchten sondern wilkommen heissen.
den bauch nicht füllen sondern fühlen.
die liste nicht abhaken sondern hissen.
die wut nicht zügeln sondern anfeuern.
den kuss nicht erwidern sondern mit geschlossenen augen hochleben lassen
das rad nicht hamstern sondern ruhig neu erfinden.
den weg nicht gehen sondern auf schultern tragen.
das jetzt nicht wecken sondern zudecken.
das fass nicht anstechen sondern genüsslich überlaufen lassen.
die lüge nicht kürzen sondern aussprechen lassen.
die wand nicht hochgehen sondern halten.
das haar nicht spalten sondern locken.
die angst nicht schlucken sondern ausführen.
die frucht nicht schälen sondern mit haut und haar verschlingen.
den atem nicht gängeln sondern teilen.
die wunde nicht salzen sondern süß verschließen
den schweiss nicht abschminken sondern abfüllen.
den gott nicht anbeten sondern zu tisch bitten.
die löwin nicht zähmen.

Leise Vergnügungen III, III, IVV, VI, VII, VII, IX, X.

Geliebte

Schatten, Licht und Sterne

Schwarzlicht | c Anne Seubert

Unter dem Schatten trägst du das Licht, das der Stern übrig ließ, als er sang- und klanglos versank. Unter dem Lid trägst du die Spreu vom Weizen, bei jedem Blinzeln den Hauch einer Ähre preisgebend, aus Sand gebaut. Unter dem Rock aber trägst du die Scham, wie einen blinden Passagier, der nicht aufs Klo darf.

An der Wand lächelt die Zuversicht spröde zwischen Raufaser und Fensterrahmen ein Stück Mauer bloßlegend. An der Tür erst fragst du nach meinem Namen und klingelst dann doch nicht. An der Schenkelinnenseite entlang führst du deine Träume über Bande und brichst uns dann doch übers Knie, Scheibchen für Scheibchen.

Im Kreis drehst du dich auf die Seite und findest den Uhrzeigersinn neben dir schlafend. Im Schlaf sprichst du die Sprache der Sterne, verführst die Nacht unter die Decke und hälst den Schatten in Schach. Im Grunde schläfst du besser im Dunkeln, aber das Licht hält die Träume wach.