Gelage

Anleitung zum Tasten

Anleitung zum Tasten | © Anne Seubert

Es ist zumeist ein leises, ein intimes Vergnügen, dieses Rätseln. Ein der Erkenntnis vorgelagertes mit Erkenntnisoptimismus gewürztes, Geduld & Hingabe forderndes, um begriffliche Ecken lockendes. Es ist ein wenig in Verruf geraten im Zeitalter der Berechenbarkeit und Effizienzsteigerung, darf sich als Flirt zuweilen noch an den Tisch setzen, obgleich auch da dem Datenabgleich häufig Vorschub geleistet wird.

Es ist ein der Wissenschaft auf den ersten Blick diametral gegenüber angestelltes durch und durch informelles Verfahren, das Rätseln. Einem Möglichkeitsraum und der Spielfreude Tür und Tor öffnend, verführt es zu Antworten entlang der scenic route, die ungleich Lösungen zuweilen sogar eher Trittbretter bislang uneingeschlagener Pfade sind. So irritiert das Rätsel während es dazu anleitet, zu Tasten, zu spüren, zu zittern und zu wagen, vom Wege abzukommen und Sackgassen auch mal ganz bewusst zu favorisieren.

Es macht uns staunen und schmunzeln, die Stirn in Falten legen und der Mitternacht ein paar Stunden abtrotzen in seiner granularen Struktur, die zugleich fasziniert wie enerviert. Hier ein Fadenende, dort ein dreifach übers nie gebrochener Vergleich. Kinder lieben seine Geheimnisse, seinen Witz, seine Verborgenheit, die es offen ausspricht: ich könnte auch Klartext sprechen, aber ich mache es lieber spannend. Wobei das nur die trivialen Rätsel betrifft, bei denen wenigstens einer weiss, worum es geht.

Die wirklichen Rätsel, deren Lösbarkeit reine Vermutung, sind uns als Mensch und Gesellschaft als Mentoren und Komplizen gleichermaßen zur Seite gestellt. Ihre sprachliche Versiertheit lässt sie uns als Lyrik lesen, als Weise summen, als Mantra murmeln und als Losung an die Wand pinnen: Sei, was du nie gewesen sein wagtest, habe acht und sieben auf einen Streich, sei mehr als die Summe deiner Teile und weniger als auf den Teller passt.

‘Wirtschaft als Rätsel’ war letzte Woche ein Stelldichein des Think Tanks des Instituts für Wirtschaftsphilosophie überschrieben und ich geladen, als Poetin und als in der Wirtschaft wirkende. Wie gern ich Rätsel auf-, ver- und unterwerfe, wie sehr ich mich dieser alten Kulturtechnik verbunden fühle, habe ich an diesem Abend nicht verraten. Wie verführerisch allein der Begriff des Rätsels hingegen, waren wir uns Anwesende alle einig. Wie ästhetisch in Sprachform und Faltung, wie zärtlich in Verlockung und Vanitas, wie kinderleicht und sinnenschwer sie daherkommen, ahnte ich.

Wie vermögend als Konzept für Wissenschaft, Kunstermittlung und (philosophische) Analyse wurde mir bewusst als wir unser aller Perspektiven ums gedankliche Lagerfeuer schürten und Worte sich aus Hülsen schälten, wie aus einem zu eng geschnürten Korsett: Lustvoll  den Muskel der Erkenntnis nicht ausdefinieren und in Steinchen meisseln, sondern im Gegenteil als sich um neue Gelenke schlagendes Kraftpaket päppeln. Reingehen ins Bad der Gedanken, tief tauchen und ausatmen nicht vergessen, auch und gerade wenn das Blasen schlägt, die irritieren und die zuweilen allzu glattgezogene Oberfläche der Realität zum Kräuseln animieren. Der Eindimensionalität trotzen und Schlösser bauen, deren Mauern ebenso luftig wie obdachtragend einen Horizont zelebrieren, dessen Sprache Himmel und Erde vereint.

Gegenwart

Querfeldeins, zwei, drei

Fläming | © Anne Seubert

Zwischen Korn und Wirklichkeit setzt du deinen Fuß auf einen Boden, der noch nicht Acker, nicht Feld, nicht Spiel und schon gar nicht Satz, und doch Brot und Salz und die Zärtlichkeit des Landwinds zur blauen Stunde zwischen seinen Zehen trägt. Der Sprache müde taucht dein Leib kopfüber in das Rauschen der Ähren, das den heilenden Duft der zwischen dem gutmütig schwankenden Getreide wurzelnden Kamille trägt: ein weiss-gelb blühendes Medaillon, ungezupft gebliebene Devotionalie an von Schnupfen geprägte Kindertage und trockene Hände.

Auf Stille setzt, wer hier ankert, wer sich den Luxus der Vermeidung aller urbanen Erfahrungen vorbehält, wer reich an Sinnen und Poren, und Berührung nicht nur als Beschmutzung wahrnimmt, dem Schmutz im helvetischen Sinne eine Zärtlichkeitsbekundung zutraut. Wer Schritte wagen will, wird hier ermuntert, Wege zu gehen, die ganz bei sich bleibend fern vom Ziel ankommen, prall und rund und satt deinem Körper eine Heimat einflüsternd. Eine Heimat, die tausend Sommer tief gereift bar jeden Winters. Deren Weiten unter einer landlustigen Sonne gewendet wurde und deren Schmauchspuren als Aromenspender unterm Negligé trägt, jederzeit bereit, sich auszuziehen.

Das Feld ist bestellt, ist nackt und wild und weithin verwundbar, ist wogende Einheit und ungestüme Vielfalt, ist Nährstoff und Fluchtversuchung. Das Feld ist abgesteckt, steht Rede und Antwort und auf, wenn du des Treibens müde eine Bleibe suchst, die dir Obdach und Komplizin zugleich, durchlässig und Schutzheilige. Das Feld teilt seinen Boden mit dir, seine Früchte, seine Nesseln, seine Schatten, seine Verwehungen und sein Poesiealbum, in das du eingeladen bist, dich zu verewigen jenseits allem, was bleiben könnte: Einem Duft, einem Abdruck, einer Blüte.