Manchmal wünsche ich mir Dich schon zur Seite. Dann wenn es mal wieder an allen Ecken und Enden ziept zum Beispiel. Oder wenn der Wind zu stark mir zwischen die Wimpern weht.
Dann fluche ich laut und dreckig und hoffe inständig, dass mich jemand höre und sich angesprochen fühle. So angesprochen sogar, dass er dagegen wettere. Meist jedoch, bleibt es beim Wunsch. Wenn die Finger dann auch noch kalt werden, fang ich an zu singen. All die Songs, die andere nur unter der Dusche anzustimmen wagen, von deutschem Schlager über Abba und The Offspring.
Beim zweiten oder spätesten dritten Durchlauf des Refrains – bei den Strophen versagt mein Textgedächtnis konsequent – fährt mir der Rhythmus von den geöffneten Lippen über den Gaumen durch den Rachenraum in den Nacken, rutscht an meiner Wirbelsäule die Bandscheiben hervorkitzelnd bis übers Kreuz in den Beckenboden. Dort vibriert er kurz, auf dass mein Gesäß in der Folge irritiert den Kontakt mit dem Sattel verliert und für Sekunden in der Luft rotiert. Diese Sekunden nutzt der Rhythmus um sich taktlos an den Backen vorbeizuschlängeln und mir in die Beine zu fahren. Und ab da ist Rock’n’Roll in den Kniekehlen, es wird gestaucht und gestreckt, getreten und getippt.
Freddie M. ist mit mir und mit meinen Knöcheln. Die Waden spannen und entspannen sich im Dreivierteltakt, die Oberschenkel zittern sich zum Grande Finale die leichte Anhöhe gen heimische Höhle hinauf.
Und wäre mein gehörntes, grünes Velo nicht tapfer stets und ohne Murren und nur seltenem Quietschen unter mir, jeden Tritt in fast vorauseilendem, definitiv aber nachwirkendem, Gehorsam in temposteigernden Schwung umsetzend, ich würde vermutlich unschuldige Bürger treten. Mit jedem Schritt den ich dann mehr zu gehen hätte, zielsicherer und schmerzintensiver.
Stadtrand & Notizen
mnemosynon – nottoforget
Es gibt viele Menschen, die bauen Industrieanlagen, bezirzen Renditen und verkaufen Immobilienbecken. Die reden von Profiten, messen sich an der Steuer und arbeiten auf Wachstum und Maximierung von Umsatz. Die tragen Anzug und Krawatte und einen gezirkelten Seitenscheitel.
Es gibt aber durchaus auch Menschen, die tragen stolz einen Kopf voll ungezähmter Locken und bauen Drehorgeln. Solche mit Knödel fressenden Holzfiguren, und welchen die nach goldenen Kugeln tauchen zu sich ewig wiederholenden Melodien. Solche Menschen wohnen manchmal nahe einem Storchengehege in einem blauen Haus. Na gut, das Haus ist weiß und nur die Fensterläden sind dunkelblau.
So ein Mensch ist mein Bekannter H. seit vielen, vielen Jahren. Und seit ebenso vielen hat er seine Werkstatt direkt neben dem Haus, zusammen mit seiner Frau S. die ihm, 20 Jahre jünger als er, zwei Söhne gebar und ansonsten aus Berufung schreinert. S. hat ein Lächeln, das sprudelt nur so vor Schalk und mit diesem auf den Lippen versendet sie Einladungen zu Mottoparties zum Thema Weltraum, spielt absurdes Theater und schnitzt.
H. und S. teilen viele Aspekte des Lebens mit Genuss, eine Leidenschaft aber hat H. allein: Weihnachtsgebäck. Jedes Jahr aufs Neue leidet er unter dem zu rasch aufgezehrten, nie in ausreichenden Mengen vorhandenen Süßgebäck, das nie bis Heiligabend vorhält. H. musste allerdings 64 Jahre alt werden, bis es ihn dieses Jahrendgültig packte und er eine Annonce in der örtlichen Presse aufgab. Er teste selbstgebackenes Gebäck und stelle den Bäckern auf Wunsch Zertifikate mit seinen Ergebnissen aus, man müsse ihm die Kekse nur vorbei bringen.
Es gibt übrigens auch Menschen, die kommen, Dir eigentlich noch vollkommen unbekannt, zwischen zwei Tagen reingeschneit und werfen Dir ungefragt Sterne in den Nachmittagskaffee. Solche Menschen sind Einzelgänger, bewegen sich auf nur für sie sichtbaren Linien durch den Kosmos und zielen direkt aufs Herz. Da wird Dir ein Finger auf die linke Wange gelegt, der Deine Lippen sich vor Vergnügen kräuseln macht und der Mensch krempelt ungerührt die Ärmel hoch und verbindet mal eben den Morgen mit dem Vorgestern, das Mittagessen mit dem Nachtgebet und den Vorfilm mit der Aftershowparty. Er verdoppelt Dein Lächeln, verbreitert den Sonnenstrahl und potenziert dessen Steigungsdreieck en passant, dass sämtliche Apokalypsen sich blitzartig unter die X-Achse flüchten.
Manchmal vergesse ich, dass es solche Menschen gibt.
