Gestern

They call it weekend

Heut nacht geheiratet, dreimal mich selbst und einmal den älteren Herrn zwei Tische weiter mit Gauloise und Rotwein auf dem patinabehafteten Tisch. Davor, danach und zwischendurch ans Wasser geflüchtet und den Boulevard hinabgetapst, ein- und siebeneinhalbmal. Dabei von einer Zukunft in Holland geträumt, oder irgendwo, jedenfalls außerhalb von Normal und mit jeder Menge Spaß. Mich an Poffertjes mit portugiesischen Oliven verschwendet und in endlosem Kusse vor Publikum geendet.

Am morgen danach dann die obligatorische Scheidung über die Bühne gebracht, unspektakulär, geradezu nüchtern bei Schrippen und Hering und einem großen Pott Selbstgebrautem (Illusion an Tagesgeschehen, doppeltgebrannt und mit einem großzügigen Schuss Skepsis versetzt). Nachmittags eine nachträgliche Affaire mit dem Hutmacher, auf dem Weg zum Flohmarkt bei der Konditorei um die Ecke unter dem Baum, dessen Blüten mich immer – außer in Anwesenheit des Verführers – nießen macht. Für eine Sonnenbrille entschieden, nicht rosa, nicht braun, nein unbeglast und damit wintertauglich.

Den Abend vor Filmen verbracht. Langsam geschnittenen, aus der Mode gekommenen. Trotzdem zwei Tränen verdrückt und den Montag erst mal auf Eis gelegt – ja, man kann auch mit dem Dienstag starten, nein, der Montag ist nicht unersetzlich. Musik vermisst und den Mann, den zu ehelichen ich mich am Abend zuvor noch entschieden und am Morgen danach die Verbindung doch wieder rückgängig gemacht hatte. Die rechte Hand theatralisch an die Stirn geworfen, was von Blümeranz gemurmelt und zurück zum Zirkusvolk getaumelt. Bis zum nächsten Jahr!

Gestik

Message from Hönow

Selbstironische Souveränität, mäandernde Männlichkeit und eruptive Eloquenz – die schnarchenden Schenkelhälse lässt er vorerst unerwähnt. Und dann regnet es doch, ehe er die Straßenseite wechseln, die blinzelnde Ampel links liegen lassen und das Fräulein von gegenüber in die Morgenandacht schließen konnte. Frust macht sich breit, dieser vorcroissanteske, kaffeearme Montagmorgenfrust, dem die Arbeitswoche den Nacken tiefer drückt, so dass Mund und Nase den gleichen Atem ausstoßen: graubraune Schlieren, die sich in jedem Lächeln verhaken, ihm bereits im ersten Anflug jede Strahlkraft entziehend. Wimpern verklebend. Ansteckend.

Jetzt heißt es gegenhalten, Immunität vortäuschen, Parkettsicherheit fingieren, Optimismus nicht bloß subkutan sondern doppelt dosiert intravenös einflößen, und sich GlückReichtumEwigenFrieden prophezeien – selffulfilling, you know. Der Blick auf die unglücklich weil schief angebrachte Zeitansage verspricht Stress auf den letzten Metern, trotzdem gönnt er sich und dem Nächsten in der Schlange eine Runde Zärtlichkeit to go, mit extra Streicheleinheiten und Himbeerbaiser, das wirke positivierend auf die Fremdwahrnehmung, sagt das Pappschild auf dem Counter. Der heute erstmals getragene Kniestrumpf rutscht Juckreiz verursachend seine linke Wade hinab, das merkt er beim ersten Schluck auf dem Weg nach draußen und kichert statt zu fluchen – wehret den Anfängen!