Gelage

2018: Ein Jahr in Lektionen

Auf zu neuen Ufern | © Anne Seubert

Das Jahr hat noch ein paar Tage und doch juckt es mich, abzuschließen. Es war ein intensives, eines voller Lektionen und Begegnungen. Eines, das den Boden auflockerte. Eines, das prägen wird. Ich, die ich lieber nach vorne schaue, schaue in diesen Tagen rein und raus und gerne mal zurück.

Januar: 
Das Jahr begann im Tiefschnee, Jesus on Ice titelte ich damals. Zweisamkeit deluxe inmitten der österreichischen Wildschönau: Es war kalt, es gab Raclette und wir machten uns bereit für eine neue Runde.

Februar:
Im Februar legte der Winter in Berlin los, ich floh nach Stuttgart und knüpfte ein grünes Band ein paar Knoten weiter. Halleluja. Eine Geschäftsbeziehung endete und meine Dozententätigkeit ging ins zweite Jahr. Als nach 28 Tagen Venedig mit Schneeflocken und Apéro lockte, war ich hin und weg.

März
Im März dann wurde gefeiert, es stand viel Strategieentwicklung auf  dem Programm, ich arbeitet mich in die Ausschussarbeit ein, wurde in eine Jury berufen und wir trotzten den letzten Seufzern der Berliner Kälte. Gut, dass Berlin viel bereit hält, das im Warmen stattfindet und so entführte ich uns in Adam’s Blaue Welten.

April
Der April begann mit einem Dämpfer, setzte das malerische Halensee doch mit einem Krankenhausaufenthalt eine Zäsur, an der ich den Rest des Jahres zu kauen hatte. Neue Diagnosen forderten Energie, Demut und eine Überarbeitung des Selbstverständnisses. Gleichzeitig machten sich neue Projekte sich breit.

Mai
Der Mai hieß erstmal Abschied.  Von der geteilten Wohnung. Von der Kohle in Duisburg – nicht ohne Neu-Entdeckungen wie die des Bildhauers Lehmbruck und seinem Schaffen ebenso wie seinem Verzweifeln an der Welt. Vom mit viel Elan gestarteten und viel Passion verfolgten Projekt Markthalle. Von einem Traum, der sich nicht wecken lassen wollte. Der Mai hieß aber auch Seenplatte, Präsentation und Place to be!

Juni
Im Juni dann ging es ins Gefängnis – im übertragenen Sinn und mit umso mehr Spass. Im Juni ging es auch auf zu neuen Ufern was das Selbstverständnis anbelangt, denn manchmal lösen sich Diagnosen in Luft auf: “fruchtbar” ist so eine. Ich fuhr für 20 Jahre Abitur in die Heimat und verstand meine Schulzeit als wohl nötige aber unfruchtbare Zeit. Meine Eltern kamen nach Berlin und wir nutzten die Gelegenheit für eine Redaktionskonferenz: Manches Vaters Träume, Töchterchen, kannst nur du erfüllen!

Juli
Im Juli ging es nach Hamburg für Big Business und tollerweise erstmalig – Inseln standen 2018 hoch im Kurs– nach Helgoland! Welche Eiland!  Und Ende Juli verzogen wir uns auf eine Insel, die spontan Heimat wurde: Sicily, you make my soul scream ever since.

August
Loveletters Only schrieb ich mir für den Rest des Jahres auf den Postausgang und begann den ersten Brief an meine heimliche Muse Basel, der prompt in einer Sommernacht mündete. Der zweite ging an meine Großmutter, der dritte an dich. 

September
Berlin
o’clock eröffnet der September drei Fenster zum Hof und einen Herbst, der kaum mehr enden wollte und einen Zweithafen in Düsseldorf. Es blühte gelb an den Küsten zwischen Traum und Wirklichkeit und die Liebe blinzelte immerhin einmal kurz quer durch den Raum.

Oktober
Veränderung ist keine Entscheidung
titelte der Oktober und packte eine Zartheit aus, die so entwaffnend ehrlich wie fragil. Der Mond trug so manche Nacht Lippgloss ,  wir ließen uns in Danzig am Wasser nieder und ich entdeckte die Kunst, den Anfang ans Ende zu stellen.

November
Pünktlich zum November machte sich der Abschied nochmal breit, trägt Sizilien im Herzen und den Pelz unterm Himmel : Zeit für Zärtlichkeiten! Ich wurde auf so manche Bühne gerufen, spürte Berlin nochmal auf den Zahn, buchstabierte was die Zeilen hergaben, stieg in Keller und ließ die Musik endlich mal wieder den Ton angeben. Ich fand den Weg in die Lausitz und schubste endlich das Ja über meine Lippen.

Dezember
Im Dezember war dann ziemlich Schicht im Schacht, kräftemäßig. Ich gönnte mir einen Bruder, eine Couch und einen Salon, schenkte mir einen Adventskalender voller Freunde und schloß die Türen bereits Mitte Monat. Alles in allem: Mehr Text, mehr Musik, mehr Theater in 2018 …

…und damit zum Jahresendzeitfragebogen, wie schon zu den Jahren 2013, 2014 und 2016 2017. 2017 hatte ich Milde und Musik gepredigt,as Motto des Jahres: #liegenlassen. Zumindest die Musik hat mich durch 2018 begleitet, an der Milde arbeite ich noch.

ENDZEITFRAGEN:

Mehr bewegt oder weniger?
Mehr. Mehr Kraft als Ausdauer, endlich wieder die Kraft, aufrecht zu gehen.

Der hirnrissigste Plan?
#liebenlassen

Das leckerste Essen?
In Sizilien am Strand.

Die meiste Zeit verbracht mit …?
Zweifel & Hader

Die schönste Zeit verbracht mit …?
Euch

Vorherrschendes Gefühl 2018?
Again?!

2018 zum ersten Mal getan?
So vieles, u.a. Städte für eine Nacht besucht.

2018 nach langer Zeit wieder getan?
Gestempelt. Geglaubt. Gestürzt.

Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten können?
1) Der Anruf beim Anwalt.
2) Die Diagnose im März und alles was sich anschloss.
3) Die Kraftlosigkeit.

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Ein Ende. Eine Pause. Ein Wiedersehen.

Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
Ein Tag am Meer.

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
Den Anruf entgegenzunehmen.

Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?
Ja?

Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?
Ja.

2018 war mit einem Wort …?
Herausfordernd.

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Die poetische Gesellschaft bittet zu Tisch

gleich nochmal | © Anne Seubert

Die poetische Gesellschaft serviert à la carte, verrät die Einladung, man habe auf den Punkt zu erscheinen, floskelarm und mit poetischen Endungen zu rechnen. An der Tür wartet ein aus der Hüfte geschossenes Lächeln, zielt auf den Tisch an der Ecke. Ein Blinzeln und drei Kommata später heisst es Entrée und wir sitzen nebeneinander. Dem Koch über die Schulter ist nicht, aber der Duft aus dem Topf, der den Hauptgang innehat, weiß, wie man mich erreicht, wie man berührt, ohne uns zu nahezukommen wie ein Strom ohne Uferbegradigung, ein Wort-Wert ohne Faktenrock, ein Schmerzlaut ohne Wundenwurzel, Verstand im Hirnverbot.

Du bleibst erste Klasse sitzen und gehst mir nicht aus dem Kopf, gehst über auf Los, ziehst alle Register und uns aus ohne einen Finger zu krümmen, fast scheint es, als flögest du unter dem Radar, hinter den Augenbrauen, da wo kein Tageslicht, kein Boden, keine Krümmung, kein Einlass. Das Menü à la Carte hätte ich bestellt, weiss dein Blick, der Kellner und Crew um den Tresen auch, die 17 hätte ich gemeint und die 27 mit extra Öl im Feuer. Stattdessen all you can eat bekommen und den Tisch mit dir: Schüchterne und Kaffeetrinker zuerst, der Tee ziehe noch.

Vor dem Gang ist nach der Pause, verrät die Weinbegleitung, die wir schwänzen, um unter dem Tisch zu kehren, was sich auf die falsche Seite geschmuggelt hatte: Flausen und Fellmützen, Federn und Fabeln – die Stille, die bleibt wenn die Freude des Erkennens überhand und die Kniescheibe ins Gebet nimmt. Erst zittern, Baby, dann Nachtisch! Das Öl hält dem Koch die Stange, mir die Lippen feucht und den Wag aus der Karte zur Bar mise en place.

Eis oder Kuchen? Wir entscheiden uns für ein Plätzchen, an dem wir bleiben wollen. Und dann holst du Luft und ich Obers, wage eine Abfahrt bei Rot und du so: Schuss!